„Wasch mich, aber mach mich nicht nass“

Neben der Klärung des Auftrags, gibt es einen weiteren wichtigen Maßstab, den ich prüfe, wenn sich Psychotherapie anstrengend und zäh anfühlt: gibt es unbewussten Widerstand? Das heißt, tut der/die KlientIn trotz klarem Wunsch, sich besser zu verstehen, unbewusst Dinge, die den Verstehensprozess hemmen oder verhindern?

Unter Widerstand verstehe ich grundsätzlich eine Abwehr von inneren Erfahrungsbereichen, die die unbewusste Absicht und den Sinn hat, für psychologische Stabilität zu sorgen. Stabilität erlaubt uns, in einem betimmten Rahmen und auf einem bestimmten Niveau relativ gleichmäßig für uns zu sorgen. Wir wissen ungefähr, wer wir sind, was wir wollen, was unser Lieblingsessen ist und wie wir uns in einer Woche oder einem Monat wahrscheinlich fühlen werden, wenn wir uns zu einem Ausflug oder Urlaub verabreden. Auf diese Weise sind wir für uns selbst und andere vorhersehbar und können relativ stabile Beziehungen führen. Da wir jedoch inhärent komplexe Wesen sind und Stabilität im Dienste der Ordnung oft eine Vereinfachung dessen erfordert, wie wir uns selbst sehen, hat diese Stabilität in den meisten Fällen einen Preis: wir nehmen bestimmte Aspekte unseres Selbst gar nicht oder nicht so genau wahr.

Zuweilen besteht die psychotherapeutische Arbeit vor allem darin, diese Abwehr zu greifen und bewusst zu machen, weil alles Weitere an seinen Platz fallen kann, sobald das gelingt. Wenn wir Abwehr als Verzerrrung der Wahrnehmung verstehen, die die für den gesamten Organismus stimmige Orientierung im Leben verhindert, wird klar, warum Bewusstsein so einen Unterschied im Leben macht. Wird die Verzerrung nämlich bewusst, können wir sie in unserer Wahrnehmung berücksichtigen und die Perspektive entsprechend korrigieren. Die resultierende Klarheit kann sich sehr ermächtigend, aber auch sehr herausfordernd anfühlen. Dieser Aufdeckungsprozess kann schnell gehen oder lange dauern, abhängig davon wie versteckt die Abwehr ist, wie viele Schichten und verschiedene Wechselwirkungen die Arten der Abwehr haben und wie intensiv die abgewehrten Gefühle sind.

Im Rahmen dieses Artikels möchte ich vor allem auf die Situation zu Beginn der Therapie eingehen, wenn die Beziehung zwar noch frisch, aber nicht mehr komplett am Anfang ist und basale Prinzipien des Widerstands bewusst werden dürfen.


Beginn der 15. Sitzung, Dienstags 9 Uhr. Die Klientin, 35 jahre alt, setzt sich, der Therapeut sitzt ihr gegenüber. Er sagt nichts und schaut sie aufmerksam an.

Nach ein paar Sekunden beginnt die Klientin verlegen zu kichern und sagt: „Jetzt machen Sie das schon wieder!“

Therapeut: „Was mache ich denn?“

Klientin: „Sie durchdringen mich. Als könnten Sie direkt in meine Seele schauen.“

Therapeut: „Ok… wie mache ich das denn?“

Klientin: „Keine Ahnung, Sie sind doch der Experte.“

Therapeut: „Ich kann Ihnen sagen, dass ich schon sehr verschiedene Menschen so angeschaut habe und bei Weitem nicht alle so reagieren wie Sie. Das heißt, ich vermute, dass Sie da schon irgendwie mitmachen. Können Sie das erkennen?“

Klientin: „Hm… ich weiß nur, dass ich mir schutzlos vorkomme, wenn Sie mich so ansehen. Als gäb’s keine Möglichkeit mehr, mich ich vor Ihnen zu verstecken.“

Therapeut: „Vor mir oder vor sich selbst?“

Klientin: „Wie meinen Sie das?“

Therapeut: „Naja, Sie sind ja hier, weil Sie etwas über sich erfahren wollen. Und Sie wissen auch, dass Sie sich dafür zeigen müssen, sonst habe ich keine Chance, Sie darin zu unterstützen, sich zu verstehen. Wenn Sie sich aber zeigen, sehe nicht nur ich Sie, sondern Sie sehen sich auch. Und unter Umständen gehen Sie nicht unbedingt liebevoll mit sich um, wenn Sie sich sehen.“

Klientin: „Hmmm… so habe ich darüber noch nicht nachgedacht.“

Therapeut: „Das heißt, es könnte sein, dass Sie bei dem, was Sie ‚Durchdrungen werden‘ nennen, vor allem Ihren eigenen Wunsch spüren, sich zu zeigen, während Sie gleichzeitig Angst fühlen, was Sie mit sich anstellen könnten, wenn Sie sich sehen. Und damit das alles nicht ganz so offensichtlich ist, schieben Sie es unbewusst mir und meinem Blick zu.“ Er zwinkert ihr amüsiert zu.

Klientin: „Sie meinen, Sie durchdringen mich gar nicht?“

Therapeut: „Genau. Ich mache Ihnen nichts weiter als ein Kontakt-Angebot. Mir ist bewusst, dass dieses Angebot mächtig sein und unter Umständen viel bewirken kann. Aber dennoch ist es nicht mehr als ein Angebot, das Sie annehmen oder ausschlagen können. Alles weitere verstehe ich als Konflikt in Ihnen: einerseits wollen Sie gerne den Kontakt, andererseits haben Sie Angst vor Verletzung, Missachtung oder Urteil. Natürlich könnte es theoretisch sein, dass ich Sie verletze, aber in diesem Setting ist es wahrscheinlicher, dass Sie das selber tun.“

Klientin: „Wie meinen Sie das?“

Therapeut: „Die meisten Menschen, die in die Psychotherapie kommen, wollen verstanden werden. Das klingt zunächst mal einfach und geradlinig, ist es aber oft überhaupt nicht. Verstanden zu werden erfordert nämlich, sich zeigen und sichtbar werden zu müssen. Ohne Sichtbarkeit ist Verständnis unmöglich, aber sichtbar zu sein öffnet eben auch die Möglichkeit, verletzt zu werden. Und wenn es Anteile in Ihnen gibt, die grob, verurteilend und verachtend mit anderen Anteilen in Ihnen umgehen, dann bekommen diese damit eine Gelegenheit. So kann es sein, dass Sie mir erzählen, wie es Ihnen heute geht und Sie sich im nächsten Moment dafür beschimpfen, wie schwach und unzulänglich Sie sich finden. Und wenn das so ist, kann ich das nicht verhindern, da Sie mit Ihren inneren Urteilen in jedem Fall schneller sind, als ich mit meinem Verständnis je sein könnte.“

Klientin: „Mist, ja… das scheint zu stimmen… was mache ich denn da jetzt?“

Therapeut: „Das kommt darauf an, was Sie wollen.“

Klientin: „Naja, wie Sie ja sagen, ich bin hier, weil ich mich gerne verstehen würde. Aber wenn sich das so brutal anfühlt, habe ich davor ziemliche Angst. Und wenn Sie mich so anschauen, dann spüre ich das sofort. Dann wäre mir manchmal lieber, Sie würden das nicht tun.“

Therapeut: „Was wäre denn dann?“

Klientin: „Dann könnte ich mich wieder vor mir verstecken und es würde etwas ruhiger in mir werden.“

Therapeut: „Ok. Und dann?“

Klientin: „Hmm… dann wäre es ruhig… aber dummerweise würde dann auch nicht viel passieren.“ Sie grinst und schaut zur Seite.

Therapeut: „Merken Sie, dass Sie grinsen?“

Klientin grinst weiterhin: „Ja…“

Therapeut amüsiert: „Was erheitert Sie denn so?“

Klientin: „Naja, ich sehe schon, dass ich mich selber fragen muss, ob es mir das Risiko der Verletzung wert ist, wenn ich hier wirklich weiterkommen will. Und wenn es stimmt, was Sie sagen, dass ich es selber bin, die mich verletzt, dann können Sie mir dieses Risiko auch nicht abnehmen.“

Therapeut: „Ich bin froh, dass Sie das sehen.“


An diesem Punkt ist es den beiden gelungen, bewusst wahrzunehmen, bei wem welche Verantwortung liegt. Für die Klientin ist es zwar unangenehm zu merken, welche Rolle sie selber dabei spielt, aber es ist der einzige Weg, etwas zu ändern, weil nur sie Einfluss auf ihren Widerstand hat und nur ihr Bewusstsein dafür sorgen kann, dass andere Möglichkeiten sichtbar werden. Der Therapeut spiegelt ihr das und bezeugt mit ihr, was passiert, aber außer Hinweisen und Benennen kann er nichts tun. Diese Ohnmacht auszuhalten ist manchmal das wichtigste, was er tun kann, weil er nur so in Kontakt mit der realen Situation der Klientin bleibt. Und angesichts dessen, dass so viele wichtige Handlungsmöglichkeiten unbewusst sind, ist das dazu passende Gefühle wirklich die Ohnmacht. Ohne die bewusste Bereitschaft, das mit zu tragen, läuft er Gefahr, am Widerstand gegen die Wahrnehmung der Wirklichkeit mit zu wirken und die Therapie dreht sich im Kreis.

Im zweiten Abschnitt der Sitzung soll deutlich werden, welchen Sinn die Abwehr hat und wie man ihr so begegnen kann, dass sie weder gebrochen wird, noch alles beherrscht. Zur Demonstration ist es in diesem Fall relativ einfach und zugänglich. In anderen Fällen kann dieser Prozess sehr lange dauern und oft hin und her gehen, bevor etwas greifbar wird. Auch hier braucht es vom Therapeuten die Bereitschaft, Ohnmacht auszuhalten, denn Verwirrung, Betäubung, Wegdriften und Druck können immer wieder auftauchen, auch im Erleben des Therapeuten, wenn die Abwehr noch nicht deutlich ist.


Klientin: „Ok, soweit verstehe ich es…“ Sie wird still und scheint nachzudenken. Dann schaut sie den Therapeuten an. Sie wirkt aufgebracht und sagt: „Wenn ich das an mich heranlasse, frag ich mich, warum ich so mit mir umgehe! Das ist doch totaler Mist! Ich will mich nicht so behandeln!“

Therapeut: „Ich halte das für eine gute Frage und bin froh, dass Sie sich dafür interessieren. Und ich verstehe, dass Ihnen das nicht gefällt. Ohne den entsprechenden Hintergrund wirkt Ihre Haltung wahrscheinlich wie sinnlose Quälerei.“

Klientin: „Ja, genau! Was soll das denn? Ich meine, ich merke gerade, wie sehr mir das weh tut. Und wenn ich genau darüber nachdenke, würde ich mich von jedem fernhalten, der mich so behandelt.“

Therapeut: „Meiner Erfahrung nach entwickeln Menschen derlei Umgangsweisen mit sich in der Regel, um Schlimmeres zu verhindern oder in Schach zu halten.“

Klientin: „Noch schlimmeres?!?“

Therapeut: „Ja. Viele Menschen versuchen, sich und ihr Leben nach dem Prinzip ‚Wer auf dem Boden schläft, kann nicht aus dem Bett fallen.‘ zu stabilisieren. Der Boden mag hart sein, aber die Fallhöhe ist reduziert.“

Klientin: „Sie meinen… bevor andere mich verurteilen können, mache ich das lieber selber?“

Therapeut: „Ja, zum Beispiel. So weit ich sehen kann, leben Sie quasi nach dem Motto ‚Bevor ich jemandes Lieblosigkeit ohnmächtig ausgesetzt bin, behandel ich mich lieber selber so. Das ist zwar auch nicht schön, aber zumindest habe ich die Kontrolle.‘ Würden Sie sich außerdem spüren lassen, dass Sie einen liebevolleren Umgang mit sich möchten, würde Ihnen vielleicht auffallen, wie kalt es in Ihrem Leben eigentlich ist bzw. war, als Sie klein waren. Und dass Sie evtl. den Weg nicht kennen.“

Klientin: „Puh… ja, da könnte was dran sein.“

Der Therapeut nickt und wartet kurz, bevor er fragt: „Und wie fühlt sich das an?“

Klientin: „Ziemlich heftig… mir wird ein bisschen schwindelig… und flau im Magen.“

Der Therapeut lässt ein paar Sekunden Raum, bevor er sagt: „Ja, das kann ich mir vorstellen. Lassen Sie uns da einen Moment bleiben.“

Klientin: „Muss das sein? Es ist wirklich sehr sehr unangenehm.“

Therapeut: „Wenn es zu intensiv wird, wäre es wahrscheinlich gut, langsamer vorzugehen. Aber die Gefühle, die Sie da gerade wahrnehmen, halte ich für wertvolle Botschafter Ihres Inneren. Ohne die haben wir keine Chance zu verstehen, wo Sie stehen und was Ihnen gut täte.“

Klientin: „Ich weiß gerade nicht, ob ich das überhaupt wissen will, wenn sich das so anfühlt.“

Therapeut: „Ja, es kann heftig sein, wahrzunehmen, wie es wirklich ist. Ich nehme es Ihnen auch wirklich nicht übel, dass Sie davor zurückschrecken. Ohne guten Grund würde das wahrscheinlich niemand in Kauf nehmen.“

Klientin: „Was soll denn daran gut sein? Ich will ehrlich gesagt lieber meinen Frieden…“

Therapeut: „Ja, das verstehe ich. Wenn Sie möchten, sag ich Ihnen etwas dazu, aber ich möchte auch achten, dass Sie sich gerade überfordert fühlen.“

Klientin: „Ja, danke… es geht schon… im Moment zumindest.“ Sie lacht nervös. „Aber ich würde gerne wissen, wie Sie das meinen.“

Therapeut: „Ok, gut. Also ich verstehe, dass Sie den Frieden mögen, aber leider hat er auch seinen Preis. Sie zahlen nämlichn unter Umständen damit, dass Sie sich darin nicht wirklich orientieren können. Das ist so, als würden Sie sagen: ‚Google, bitte entferne alle Seen und Flüsse auf der Landkarte. Die sind mir zu kompliziert, verwirren mich und machen mir Schwindelgefühle.‘ Wenn Sie dann einen Ausflug machen, kann es sein, dass Sie nass werden und absolut nicht verstehen, wie das sein kann.“

Die Klientin lacht, halb amüsiert, halb nervös: „Hmm… das wäre natürlich blöd. Sie meinen also, dass ich verhindern kann, dass ich nass werde, wenn ich diese Gefühle aushalte?“

Therapeut: „Es wäre ein notwendiger Anfang. Die Gefühle auszuhalten verschafft Ihnen Zeit, sich der Gefühle lange genug bewusst zu sein, dass Sie verstehen können, was sie bedeuten könnten. In der Karten-Analogie müssten Sie die Überwältigung aushalten, um Flüsse und Seen erkennen und entsprechend Ihre Ausflüge planen zu können.“

Klientin: „Ok, aber was sollen diese Gefühle denn bedeuten?“

Therapeut: „Naja, ich glaube ein bisschen wissen Sie schon darüber…“

Die Klientin atmet tief durch, wippt mit dem Fuß und greift sich nervös an die Stirn. „Ich find das gerad alles total schwierig. Sie haben ja Recht… aber ich stell mir gerade vor, wie ich nachher nach Hause gehe und mir wieder alle möglichen Gedanken darüber mache, was wir hier besprochen haben und dann…“ Sie wird still und birgt ihr Gesicht in ihren Händen.

Der Therapeut spürt die Betroffenheit. Er merkt, wie berührt er selber ist und ihm sanft die Augen feucht werden. Er kann das Dilemma der Klientin spüren und nachfühlen, wie zerrissen sie sich fühlen muss. Er sagt: „Ich nehme wahr, wie schmerzhaft das gerade für Sie sein muss.“

Die Klientin fängt an zu weinen, still und tief. Es ist, als dürfte sich etwas im Raum ausbreiten, was lange verborgen und weggedrückt war. Und auch wenn noch schwer zu sagen ist, was genau es ist, fühlt es sich dicht und greifbar an.

Die Klientin putzt sich die Nase und sagt: „Ich weiß gar nicht, wann ich das zuletzt so gefühlt habe…“

Therapeut: „Möchten Sie beschreiben, was das ist?“

Klientin: „Ich versuch’s… Sie haben ja vorhin gemeint, es könnte sein, dass ich mich selbst so grausam behandel, um nicht zu merken, wie kalt mich die Menschen behandeln, die in meinem Leben sind… Ich spüre gerade den Schrecken darüber, wie wahr das sein könnte. Und auch wenn ich das am liebsten weghaben möchte, habe ich gerade eine ganz leise Ahnung davon bekommen, wie schön es wäre, wenn ich so leben könnte… also, so, dass das, was ich da mit mir mache, gar nicht nötig wäre.“

Therapeut: „Ich bin froh, dass Sie das sehen können… ja, das wäre sicher eine große Erleichterung…“

Klientin, unter Tränen: „Ja, das wäre es… und ich habe überhaupt keine Ahnung, wie ich dahin kommen soll.“

Therapeut: „Ja… und die Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit, die Sie wahrscheinlich dabei fühlen, sind ja auch der Grund, warum Sie unbewusst dafür sorgen, dass Sie nicht einmal mitbekommen, dass Sie das wollen könnten.“

Klientin: „Ja, die sind auch echt nicht lustig, ey…“

Der Therapeut hält inne und lässt der Wucht in der letzten Äußerung Raum. Dann sagt er: „Das glaube ich Ihnen. Aber vielleicht wird jetzt klarer, was ich mit Orientierung meine. Erst wenn Sie sich vorstellen können, dass der Umgang mit Ihnen liebevoller sein könnte, haben Sie überhaupt nur eine Ahnung, worum es in Ihrer Situation gehen könnte. Das gibt Ihnen zwar keinen 12-Schritte-Plan dafür, wie Sie weiter vorgehen könnten, aber zumindest eine generelle Richtung und einen groben Maßstab.“

Die Klientin sagt amüsiert: „Ja, ich weiß, Sie sind planlos.“

Der Therapeut antwortet ebenso amüsiert: „So isses.“

Klientin: „Können Sie mir nicht irgendwas sagen? Ich halte das so schwer aus!“

Therapeut: „Was finden Sie denn so schwer aushaltbar?“

Klientin: „Naja, wenn ich ernst nehme, was ich da gerade gefühlt habe, finde ich mein Leben total furchtbar! Meine Eltern gehen genau so missachtend mit mir um, wie ich selbst, mein Job fühlt sich sinnlos an und meine Freunde… die sind schon ok, aber ich weiß nicht, ob die verstehen würden, worüber wir hier reden. Und das kann’s doch nicht sein, oder? Ich bin jetzt Mitte 30 und komme überhaupt nicht klar!“

Therapeut: „Ich kann sehen, wie viel das für Sie ist.“

Klientin: „Jawoll! Und ich will das eigentlich keinen Tag länger ertragen müssen. Aber wenn ich das ändern will… da kriege ich einfach nur Panik!“

Auch hier hält der Therapeut inne, damit die emotionale Wucht Raum bekommt. Nach einigen Sekunden Stille sagt er: „Ich kann den Druck spüren und verstehen… Verstehen Sie die Panik?“

Klientin: „Naja… nicht ganz, aber ich denke mir gerad, dass mir dann ja gar nichts mehr bleibt.“

Therapeut: „Sie meinen, Sie wissen dann nicht mehr, welche Form des Lebens zu Ihnen passt?“

Klientin: „Ja… und vielleicht finde ich ja nie eine passende…“

Therapeut: „Es könnte sein, dass Sie diese Form erfinden müssen und sich dafür nur an sich selber orientieren können.“

Klientin: „Oh Gott… das wird hart.“

Therapeut: „Ja, das kann sehr schwierig sein. Vor allem, wenn Sie dafür gewohnte Rollen aufgeben und Konflikte mit Menschen angehen müssen, die Ihnen wichtig sind.“

Klientin: „Das kann ich nicht!“

Therapeut: „Ich kann sehen, dass es im Moment unüberwindbar erscheint. Aber ich bin guten Mutes, dass wir genug über Ihre Angst verstehen können, wenn wir Ihre frühen Erfahrungen mit Ihren Eltern besser kennen.“

Klientin: „Auweia… ich hab’s befürchtet… darüber denke ich überhaupt nicht gerne nach… Wie soll das denn helfen? Können Sie mich nicht lieber hypnotisieren oder igendsowas?“

Therapeut: „Ich glaube leider nicht, dass es wirklich irgendeine Abkürzung darum herum gibt, auch nicht durch das, was Sie unter Hypnose verstehen mögen. Und manchmal wäre es auch mir lieber, man könnte daraus eine OP mit Narkose machen, bei der man als KlientIn aufwacht und alles ist anders, ohne die dunklen und schmerzhaften Ecken beleuchten zu müssen.“

Klientin: „Ja genau, das will ich! Das hätte ich gerne!“ Sie seufzt und fügt hinzu: „Aber gut, ich hab schon verstanden, dass das nicht geht. Trotzdem würde ich gern wissen, was das Wühlen in der Vergangenheit Gutes bewirken soll.“

Er hält einen Moment inne, bevor er fortfährt: „Schauen Sie, Ihr Nervensystem ist ja gerade auf 180. Das heißt, Sie kommen sich sehr bedroht vor und können sich nicht gut schützen, ohne wieder die Wahrnehmung Ihrer tatsächlichen Lebenssituation aus Ihrem Bewusstsein zu drängen. Daraus schließe ich, dass Anteile Ihres Nervensystems berührt werden, die sich strukturiert haben, als Sie sehr jung waren. Und ohne zu wissen, auf was für eine Situation die sich eigentlich beziehen, können Sie nicht unterscheiden, ob Ihre Angst berechtigt ist oder nicht. Es ist, als würden Sie ein Foto von damals über Ihre Wahrnehmung von heute legen und so reagieren, als sei das Foto die Wahrheit.“

Klientin: „Also, Sie meinen, die Angst davor, mein eigenes Leben zu leben, bedeutet gar nicht, dass das so schwierig ist?“

Therapeut: „Das weiß ich nicht. Es ist sicher nicht einfach. Aber wahrscheinlich ist es nicht lebensgefährlich. Deswegen glaube ich, dass die Intensität Ihrer Angst zu anderen Umständen gehört, die Ihnen noch nicht bewusst sind. Wenn Sie herausfinden, welche das sind, können Sie sich wahrscheinlich an Stellen trösten und beruhigen, an denen Sie aktuell nur weg wollen.“

Die Klientin wirkt überfordert: „Ok… das klingt sehr schwierig, aber es ergibt schon Sinn.“ Sie birgt ihr Gesicht noch einmal in ihren Händen. „… und es ist auch ziemlich viel gerade.“

Therapeut: „Ja… das sehe ich. Ich schlage vor, dass Sie das, was wir heute besprochen haben erstmal verdauen. Wir werden noch genug Gelegenheiten haben, uns dem Hintergrund dieser intensiven Gefühle zuzuweden. Wichtig finde ich für den Moment, dass Sie und ich merken, wie Sie sich aus Angst vor Ihren eigenen Urteilen nicht zeigen. Und dass Ihre Urteile, so unangenehm sie sein mögen, eine stabilisierende Funktion haben, die jedoch Ihre Warhnehmung verzerrt und damit eine stimmige Orientierung in Ihrer heutigen Lebenssituation sehr schwer macht. Über alles Weitere würde ich mir im Moment keine Gedanken machen, da es meiner Einschätzung nach ohnehin von selbst auftauchen wird.“

Klientin: „Ja… das ist gut. Darauf werde ich auch erstmal eine Weile herumkauen müssen…“

Therapeut: „Das glaube ich auch. Und wie gesagt, es eilt nicht und Sie müssen sich jetzt auch nichts überlegen. Bewusstsein reicht für den Moment. Ich wünsche Ihnen erstmal gutes Verdauen und eine gute Woche. Und nächste Woche können wir schauen, was aufgetaucht ist.“

Klientin: „Danke… ok, ja… Ihnen auch.“

Die Klientin verlässt hiermit den Praxisraum und der Therapeut schaut noch eine Weile aus dem Fenster, bevor er Folgendes in seine Notizen schreiben: „Projektion des Wunsches angesprochen, sich zu zeigen, Widerstand teilweise bewusst. Klientin mit dem Aggressor identifiziert, behandelt sich unbewusst ebenso lieblos wie ihre Familie, um die Ohnmacht nicht zu spüren. Intensiver, tiefer Schmerz spürbar, wirkt überwältigend, Hinweis auf Trauma. Zusammenhang mit Orientierung erläutert, große Angst vor Konflikten und der Notwendigkeit, sich eigenständig zu vertreten. Gleichzeitig wirkt der Weg alternativlos, da sie alles andere schon ausprobiert hat. Die Intensität fühlt sich nach längerer Arbeit mit einigen Rückfällen an. Ich bin berührt und optimistisch gestimmt.“

Zufrieden steht er auf und geht in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Er hört die Türklingel und der nächste Klient betritt die Praxis.

Plan- aber nicht orientierungslos

Ich bin in meiner Arbeit als Psychotherapeut immer wieder mit dem Wunsch nach einem Plan oder Ratschlägen konfrontiert, den ich weder erfüllen kann noch will. Ich möchte an dieser Stelle meinen Umgang damit in Form eines Dialoges darlegen, wie er in meiner Praxis schon oft vorgekommen ist. Darin erläutere ich einige Eckpunkte meiner inneren Orientierung, wie ich sie aktuell sehen kann, und demonstriere, wie ich Klientinnen und Klienten damit in Berührung bringe.

Es ist Mittwoch, 12h, 3. probatorische Sitzung. Die Klientin ist Mitte 40 und erzählt von einem Leben in Enge und einigen scheinbar ausweglosen Situationen. Mir fällt wiederholt auf, dass sie an bestimmten Punkten das Gesicht verzieht und ich spreche sie darauf an.

Klientin: „Ja… ich kenne das von mir. Das mache ich immer, wenn ich kurz davor bin zu weinen.“

Therapeut: „Ok… und warum stoppen Sie sich?“

Klientin hält inne, Tränen tauchen auf und sie schluckt: „Was habe ich denn davon, wenn ich dann losheule… das muss ich nachher nur alles wieder mühsam verpacken.“

Therapeut: „Sie haben Angst, von Ihren Gefühlen überflutet zu werden?“

Die Klientin nickt.

Therapeut: „Und dass Sie sie dann später um so schwerer verstecken können, wenn Sie z.B. bei Ihren Kindern sind?“

Klientin: „Ja, genau.“ Sie atmet tief durch und sagt: „Ich bin hier, weil ich Ratschläge möchte, nicht um hier auseinanderzufließen.“

Der Therapeut wird still und sagt nach einer Weile: „Hmmm… ich fürchte, dass ich Ihnen dann nicht werde helfen können.“

Die Klientin schaut erstaunt auf:Warum nicht? Eigentlich dachte ich, dass es bei Therapie genau darum ginge…“

Therapeut: „Ich bin froh, dass Sie das sagen, denn ich würde Sie gerne so früh wie möglich über meine Haltung dazu aufklären. Es ist nämlich so, dass ich keinen Plan davon habe, was gut für Sie wäre.“

Klientin: „Ach nicht? Lernt man das denn nicht in Ihrer Ausbildung?“

Therapeut: „Hm… Ich höre, dass Sie sich jemanden an Ihrer Seite wünschen, der in dieser verwirrenden Lage mehr Orientierung hat, als Sie, stimmt das?“

Die Tränen steigen wieder auf und die Klientin unterdrückt sie mit Mühe: „Ja… die fehlt mir nämlich völlig, zur Zeit.“

Therapeut: „Nun, dass ich keinen Plan habe, bedeutet nicht, dass ich keine Orientierung habe. Aber darunter verstehe ich auch etwas anderes.“

Klientin: „Was meinen Sie denn damit?“

Therapeut: „Ich möchte es Ihnen erklären und Ihnen dafür ein bisschen Hintergrund vermitteln. Ihnen ist sicher bekannt, dass wir Menschen ein asymmetrisches Gehirn haben. Das heißt, unsere zwei Hirnhälften sind sehr unterschiedlich.“

Klientin: „Ja, davon habe ich schon mal gelesen.“

Therapeut: „Dieser Unterschied erlaubt uns zwei sehr unterschiedliche Wahrnehmungsmodi, welche beide eine wichtige Rolle für die Therapie haben. Im Allgemeinen sind wir aber mehr mit dem vertraut, was die linke Hirnhälfte tut. Daher auch die Idee, Ratschläge oder einen Plan an die Hand zu bekommen. Dafür ist nämlich die linke Hemisphäre zuständig. Genau genommen geht es dort um die Fähigkeit, handeln zu können – etwas, was Ihnen gerade total abgeht.“

Klientin: „Ja, das stimmt. Ich weiß gerad überhaupt nicht, was ich tun soll.“

Therapeut: „Ok. Handlungen basieren auf der Fähigkeit, zwischen verschiedenen Möglichkeiten Hierarchien bilden, d.h. entscheiden zu können, was wichtig ist und was nicht. Ohne eine solche Priorität bleiben wir in an bestimmten Punkten im Leben in der Schwebe, können uns nicht entscheiden und entsprechend auch nicht handeln. Das ist bei Ihnen gerade der Fall, denn Sie sagen ja, egal an welcher Stellschraube Sie drehen, etwas daran passt nicht.“

Die Klientin fühlt wieder ihre Tränen aufsteigen und sagt: „Ja, es ist zum Verzweifeln, ich fühle mich total ohnmächtig.“

Therapeut: „Ja, das sehe ich… und ich glaube es ist wichtig, das zunächst mal zu fühlen und auszuhalten.“

Klientin: „Ja, aber warum denn? Das ist so unfassbar unangenehmen… ich möchte, dass das aufhört!“

Therapeut: „Weil Sie ohne Fühlen keine Chance haben, sich stimmig in Ihrem Leben zu orientieren.“

Klientin: „Oh…“ Sie wird still und sagt nach einer Weile: „Ich ahne was Sie meinen, aber ich verstehe es noch nicht…“

Therapeut: „Naja, um handeln zu können, müssen wir wissen, was wichtig ist. Dafür ordnet die linke Hirnhälfte bekannte Reize in Kategorien ein. Ganz grob gesagt haben wir davon drei: Ist es nützlich? Ist es gefählich? Oder ist es egal? Alle Reize, die Sie kennen, werden Sie vermutlich genau so einordnen und alles andere erkennen Sie aktuell einfach nicht. Sie haben da einen blinden Fleck. Die linke Hemisphäre kann Ihnen dabei nicht helfen, da ihre Aufmerksamkeit fokal ist, d.h. auf einen Punkt gerichtet und mit dem Einordnen in genau diese Kategorien beschäftigt ist. Wenn man die Punkte des Fokus aneinanderreiht, ergeben sich daraus lineare Prozesse, wie z.B. die Sprache, die ich gerade einsetze, um Ihnen dieses Verständnis zu vermitteln. Lineare Prozesse sind super, so lange eine Situation einigermaßen übersichtlich bleibt. Wenn Sie von A nach B wollen, kann es sein, dass Sie dafür ein paar Schritte hintereinander machen müssen, die leicht unterscheidbar sind und schon sind Sie da. Genau danach fragen Sie mich, wenn Sie Ratschläge von mir wollen.“

Klientin: „Ok… und Sie wollen mir sagen, dass meine Situation nicht wirklich übersichtlich ist und das deswegen so nicht funktioniert?“

Therapeut: „Ja, genau. Ihre Situation ist komplex und wenn Sie dafür eine lineare Lösung hätten, wären Sie nicht hier.“

Klientin: „Das stimmt wohl. Aber was mache ich dann stattdessen?“

Therapeut: „An dieser Stelle kommt die rechte Hirnhälfte in’s Spiel. Sie ist für etwas zuständig, was ich Feldwahrnehmung nennen möchte. Dabei geht es darum, Reize aufzunehmen, die unbekannt oder unbewusst sind und die wir noch keiner Kategorie zuordnen können. Der Psychiater Iain McGilchrist meint dazu, dass wir in prähistorischer Steppe wahrscheinlich mit der linken Hemisphäre gejagt und uns geschützt haben, während wir die rechte Hirnhälfte dafür gebraucht haben, Ungewöhnliches in unserer Umgebung zu bemerken, um uns vor Gefahr zu warnen: das Rascheln im Gebüsch z.B., das auf Löwen oder andere Raubtiere hinweisen könnte.
Feldwahrnehmung ist nicht linear, sondern parallel. Das heißt, wir nehmen ganz vieles auf einmal wahr, was wir mit der linken Hirnhälfte gar nicht alles erfassen bzw. wiedergeben können. So habe ich z.b. einmal auf der Autobahn plötzlich ein ganz mieses Gefühl im Bauch gehabt und zwei Sekunden später wurde ich geblitzt.“

Die Klientin lacht auf und wirkt einen Moment erleichtert.

Therapeut: „Ja, ich hätte das gerne sofort zugeordnet und gebremst, aber ich habe es in dem Moment nicht verstanden. Aus der Feldwahrnehmung ergeben sich nämlich Muster in der Wahrnehmung und Gefühle im Körper, die wir nur mit bewusster Aufmerksamkeit verstehen und einordnen können. Um uns in einer komplexen Umgebung mit vielen Variablen zurecht zu finden, sind wir auf diese Gefühle angewiesen, so unklar und verschlüsselt sie unserem Bewusstsein manchmal auch vorkommen mögen. Ohne diesen Zugang haben wir nur die linke Hirnhälfte mit ihren Routinen, die sich aber auf neue Situationen nicht übertragen lassen. Das Ergebnis ist Ohmacht, sobald etwas Neues und Unbekanntes auftaucht.“

Klientin: „Hmm… ok. Ich brauche also meine Gefühle, um wahrzunehmen, was wirklich los ist?“

Therapeut: „Ja. Und um wahrzunehmen was Sie wirklich brauchen. Wenn Ihnen das klarer wird, wird es Ihnen aller Voraussicht nach auch gelingen, Prioritäten zu setzen und etwas Neues für sich zu tun, auch gegen Widerstand von außen.“

Die Klientin seufzt: „Verstehe… puh, das finde ich aber ganz schön schwer.“

Therapeut: „Ja… das denke ich mir. Ich nehme wahr, wie schwer die Ohnmacht wiegt, wenn ich zu Ihnen hinspüre.“

Die Klientin spürt wieder den Druck, verzieht das Gesicht und sagt: „Ja… das stimmt.“ Sie schluckt und fährt fort: „Ok, das verstehe ich alles, aber wenn ich diese Gefühle zulasse, wird mir das unheimlich schnell zu viel. Nach den letzten beiden Sitzungen habe ich es gerade so geschafft, danach nicht unkontrolliert loszuheulen… das zieht ja einen ganzen Rattenschwanz nach sich, verstehen Sie?“

Therapeut: „Ich verstehe, dass es sehr intensiv für Sie ist und Sie einen sicheren Raum brauchen, um sich so zu öffnen.“

Klientin: „Ja, das stimmt… danke.“

Therapeut: „Und das zu beachten, finde ich wichtig, weil unser Nervensystem so etwas wie Intensitätgrenzen hat. Gefühle sind nur dann für die Orientierung nützlich, wenn sie intensiv genug, aber nicht zu intensiv sind. Gehen die Gefühle über die aktuelle Obergrenze hinaus, erleben Sie Überflutung und können nicht mehr wahrnehmen und beachten, was Sie fühlen. Das Bewusstsein wird gewissermaßen „geschluckt“ – und genau um das Bewusstsein geht es ja, denn das brauchen Sie zum einen, um sich beruhigen zu können, zum anderen um die Gefühle sinnvoll deuten zu können. Bleiben die Gefühle unter der Untergrenze, sind sie andererseits zu dumpf oder subtil, um sie wirklich wahrnehmen und zur Orientierung nutzen zu können. Wir müssen also zwischen den Grenzen bleiben, wenn wir die Gefühle nutzen wollen.“

Klientin: „Und wie treffe ich jetzt genau diese Zone in der Mitte?“

Therapeut: „Das können wir wohl nur ausprobieren, mit dem Risiko, dass wir manchmal daneben liegen.“

Klientin: „Na toll… das heißt, ich muss schauen, ob ich das will.“

Therapeut: „Ja, das müssen Sie abwägen. Wichtig finde ich allerdings auch zu sehen, dass diese Grenzen nicht fix sind, sondern dehnbar. Ich stelle mir die Kapazität unseres Bewusstseins, intensive Gefühle zu fühlen, manchmal wie ein Goldfischglas mit Lottokugeln drin vor. Wird es heftig, bewegen sich die Kugeln so schnell, dass sie aus dem Glas herausspringen. Dann können wir sie nicht mehr bewusst wahrnehmen und alles wird zu viel. Wird das Glas jedoch größer, steigt auch die Kapazität, intensive Zustände wahrzunehmen, ohne auszusteigen. Und damit wächst die Fähigkeit, wahrzunehmen, wo Sie wirklich sind und wie Sie dort für sich sorgen können.“

Klientin: „Ok und wie kann das Glas größer werden?“

Therapeut: „Wenn Sie sich hier mit mir öffnen, haben Sie nicht nur Ihr Bewusstsein, sondern auch meines zur Verfügung. Der Raum des Goldfischglases kann dann größer werden und das ist in meinem Ermessen eine der Hauptwirkungen von gelingender Psychotherapie. Wenn Sie alleine etwas dafür tun wollen, würde ich Ihnen Meditation empfehlen. Darunter verstehe ich, dass Sie für eine bestimmte Zeit am Tag nichts tun, außer mit dem Fokus in Ihrem Körper zu sein und was Sie dort fühlen. Wenn Sie einen Impuls zum Handeln haben, fragen Sie sich, was Sie fühlen und bleiben mit der Aufmerksamkeit dort. Wenn Sie merken, dass Sie über etwas nachdenken, fragen Sie sich, was Sie zu den Gedanken fühlen und bleiben Sie dort. Es geht nicht darum, etwas zu benennen oder zu analysieren, nur wahrnehmen und beachten. Das erweitert auch das Glas.“

Die Klientin lacht und sagt: „Jetzt haben Sie mir ja doch einen Ratschlag gegeben.“

Der Therapeut lacht auch und antwortet: „Und? Wie finden Sie das?“

Klientin: „Gut… ich glaube, damit kann ich etwas anfangen. Genau genommen ist es ja ein Ratschlag, der mir bei der allgemeinen Orientierung helfen kann und nicht etwas, was mir sagt, was ich zu tun hätte.“

Therapeut: „Ich bin froh, dass Sie den Unterschied sehen.“

Die Klientin wird still. Sie sieht nachdenklich aus. Dann fragt Sie: „Wissen Sie, ich wundere mich schon darüber, warum das so intensiv wird, wenn ich anfange zu weinen. Ich wäre gerne stärker.“

Therapeut: „Sie meinen, Ihre aktuelle Situation reicht nicht aus, um zu erklären, warum es Ihnen nicht gut geht?“

Klientin: „Naja… einerseits schon, weil es wirklich viel ist. Und ich halte das schon lange aus, habe kaum Menschen, mit denen ich darüber reden kann… aber ich verstehe nicht, warum ich mich so anstelle. Eigentlich müsste ich mir einfach eine Wohnung suchen, ausziehen und gut ist. Warum hampel ich damit so herum?“

Therapeut: „Genau um das herauszufinden brauchen wir die Feldwahrnehmung der rechten Hirnhälfte. Und Sie haben sie gerade auch eingesetzt, denn dieses ‚Irgendwie erklärt es das nicht…‘ ist genau das, was wir durch unsere Gefühle wahrnehmen können. Es geht um die Gewichtung, um die Bedeutungsschwere gemessen am heutigen Kontext. Und ich stimme Ihnen zu, dass da etwas nicht zusammen passt. Was das aber ist, weiß ich noch nicht.“

Klientin: „Und wie lässt sich das herausfinden?“

Therapeut: „Naja, genau dafür hat Sigmund Freud so viel über das Unbewusste gesprochen, das sich der fokalen Aufmerksamkeit unseres Verstandes und der linken Hirnhälfte entzieht. Wir kommen da also nur indirekt dran, über Assoziationen, Träume, Ideen, Gefühle. Und das braucht Zeit. Was ich aber aktuell orientierend sagen kann, ist folgendes:
Teile Ihres Nervensystems tragen die Prägungen der Zeit, in der sie entstanden sind, sind also an die Situation Ihrer Kindheit angepasst. Das heißt, an diesen Stellen fühlen Sie genau so wie als kleines Mädchen. Grundsätzlich gehört zur Kindheitssituation dazu, dass wir auf Menschen angewiesen sind, die in sich Begrenzungen haben, an denen wir als Kind nichts ändern können. Und das kann einen in unfassbare Not bringen, die so unerträglich ist, dass wir sie aus dem Bewusstsein drängen müssen, um am Leben zu bleiben. In dem Maße, wie wir das tun, steht uns unsere Wahrnehmung nicht mehr zur Verfügung und wir verlieren Orientierung. Damit werden Sie es heute auch zu tun haben.“

Klientin: „Das heißt, wir müssen meine Kindheit reflektieren?“

Therapeut: „Ja. Je mehr Sie darüber wissen, wie es damals für Sie war, desto besser können Sie zwischen heute und damals unterscheiden. Das heißt zwar oft noch nicht, dass Sie weniger intensive Gefühle haben, aber Sie glauben dann zumindest nicht mehr, dass Sie daran sterben oder eine Situation wirklich so schlimm und auswegslos für Sie ist, wie sie sich anfühlen mag. Und wenn Sie dort einmal sind, können Sie glaubhafte Vorstellungen davon entwicklen, in welche Richtung Ihr Leben wirklich besser werden könnte.“

Klientin: „Puh… das wird hart.“

Therapeut: „Ja, das kann es sein. Darum ist es wichtig, dass Sie mir einen klaren Auftrag dazu geben, an dem Sie und ich messen können, ob das, was wir gerade tun, den Schmerz wert ist, der dabei auftaucht.“

Klientin: „Ich komme ja wohl nicht darum herum, wenn ich verstehen will, wo ich stehe und was ich brauche, um es mir besser gehen zu lassen.“

Therapeut: „Ich bin froh, dass Sie das sehen.“

Klientin: „Ok, den Auftrag haben Sie. Was wollen Sie wissen?“

Therapeut: „Lassen Sie uns bei Ihren Großeltern beginnen…“